Tagesspiegel Wahl-Spezial

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1949 Adenauer
1953 Adenauer
1957 Adenauer
1961 Adenauer
1965 Erhard
1969 Brandt
1972 Brandt
1976 Schmidt
1980 Schmidt
1983 Kohl
1987 Kohl
1990 Kohl
1994 Kohl
1998 Schröder
2002 Schröder
2005 Merkel
2009 Merkel
2013 Merkel

Erste Wahl: Eine Zeitreise durch die Bundestagswahlen

Interviews mit Erstwählern, historische Plakate und die Wahlergebnisse: Tauchen Sie ein in die Situation der Wahljahre und erfahren Sie, welche Ereignisse, Themen und Personen die Bundestagswahlen seit 1949 prägten.

1949 Ruhige Hand gegen klare Kante

Die erste Bundestagswahl: Viel Polemik bestimmte den Wahlkampf, viele Parteien zogen in das neue Parlament. Die Favoritin SPD verlor knapp gegen die Union. Konrad Adenauer wurde Kanzler und ging an den Aufbau der Bundesrepublik – mit Marktwirtschaft und Westbindung.

Wahlergebnis 1949 (in Prozent)
  • Union 31,0
  • SPD 29,2
  • F.D.P. 11,9
  • KPD 5,7
  • BP 4,2
  • DP 4,0
  • Zentrum 3,1
  • Sonstige 10,9
Wahlbeteiligung
78,5 %
Regierung
  • Union
  • F.D.P.
  • DP
Bundeskanzler
Konrad Adenauer

14. August 1949, die erste Bundestagswahl. Es war ein Sommerwahlkampf, aber kaum jemand war im Urlaub. Deutschland lag nach dem Krieg noch immer am Boden. Wie es wieder nach oben kommen könnte, wie die Wirtschaft gestaltet werden sollte, darum ging es in der emotionalen Auseinandersetzung, der vor allem der SPD-Kanzlerkandidat Kurt Schumacher Schärfe gab. Es war ein heftiger und polemisch geführter Wahlkampf. Schumacher schlug betont sozialistische Töne an (die SPD hatte ihr Godesberger Programm noch vor sich und plädierte für eine staatlich gelenkte Ökonomie wie die 1945 erfolgreiche britische Labour Party). Der SPD-Kandidat hatte auch Probleme mit der Weststaatsgründung und der beginnenden Verankerung der neuen Bundesrepublik in einer Gemeinschaft mit den westlichen Siegermächten. Das Kontrastprogramm vertrat vor allem Konrad Adenauer. Mit ihm als Spitzenkandidaten lag die Union vorn, wenn auch knapp. Adenauers konservativ-liberale Regierung ging an den Aufbau einer sozialen Marktwirtschaft. Neben CDU, CSU, SPD und FDP kamen auch KPD, Bayernpartei, Zentrum, Deutsche Partei, Wirtschaftliche Aufbauvereinigung und die Deutsche Konservative Partei in den Bundestag. Das Parteiensystem der Weimarer Republik klang noch nach. Die Union lag auch deshalb vorn, weil der frühere Kölner Oberbürgermeister Adenauer trotz seines hohen Alters von 73 Jahren (oder vielleicht gerade deswegen) eher für die Sehnsucht nach einem ruhigen Neuanfang stand als der Scharfmacher Schumacher. Etwas zugespitzt: Ruhige Hand siegte gegen klare Kante.

Wahlhelferin auf der Reeperbahn

Ursula Groß erzählt von ihrer ersten Wahl

Mein Name ist Ursula Groß, ich bin Ärztin, bin 91 Jahre alt und wohne seit einem Jahr in Berlin.

Meine erste Bundestagswahl war 1949, damals in Hamburg. Ich war damals 23 Jahre alt und es war meine absolut erste Wahl, denn unter den Nazis hat man ja nicht gewählt.

Es gab damals eigentlich noch keine so große Begeisterung für die Demokratie und dann wurde ein SPD-Kandidat angekündigt, das war damals Kurt Schumacher. Der hat eine Wahlrede gehalten und da bin ich hingegangen. Ich muss sagen, ich war fasziniert von dem Vortrag. Mit einer Begeisterung hat Kurt Schumacher die Bevölkerung aufgerufen, zur Wahl zu gehen und wie wichtig das sei und was überhaupt eine Demokratie bedeutet. Und das war so aufrüttelnd.

Es waren übrigens vorwiegend junge Leute da. Das fand ich ganz merkwürdig. Die Alten, vielleicht waren das alles Mitläufer der Nazis – ich weiß es einfach nicht. Es war ganz auffällig: Fast nur junge Leute. Und das hat mich damals so beeindruckt.

Ich weiß, dass man in Kreisen unserer Eltern eigentlich immer auf die Weimarer Republik geschimpft hat. Das wäre eine Schwatzbude. Und eins dürfen Sie nicht vergessen: Damals gab es die Fünf-Prozent-Hürde noch nicht. All diese kleinen Parteien waren mit ein, zwei Leuten im Parlament. Das war eine Katastrophe. Es wurde alles zerredet. Ich weiß nicht, wann die Hürde eingeführt wurde, aber 1949 gab es sie noch nicht.

Ich persönlich war ganz, ganz glücklich, dass die SPD mit zwei Prozent Vorsprung vor der CDU lag. Das muss ich hier mal sagen.

Ich habe die Leute ermahnt, wählen zu gehen, die nicht gegangen sind und die sagten: »Was nützt denn meine Stimme?« Ich habe gesagt: »Stellt euch mal vor, alle sagen das.« Dieses Wahlbewusstsein war einfach noch nicht da. Sie kannten es ja nicht. Wir hatten gerade die Zulassung zum Studium, hatten bei Gott andere Sorgen. Diese wirklich ganz kalten Winter nach dem Krieg. Das war schon sehr, sehr frustrierend. Und nun kam auf einmal die Aufforderung, wir sollten wählen gehen. Viele sagten: »Was soll ich denn da? Die machen sowieso, was sie wollen.« Das Übliche. Und ich habe sie alle animiert.

Man brauchte auch Wahlhelfer. Das war ja alles neu. Man brauchte auch Leute zum Verteilen der Wahlbenachrichtigungen. Und da habe ich mich gemeldet und habe vor der Wahl die Wahlbenachrichtigungen verteilt. Lustigerweise auf der Reeperbahn. Das waren ganz merkwürdige Erlebnisse, die ich da als junge Frau hatte. Es war ja nun wirklich ein Milieu, in dem ich nicht zuhause war. Für mich war das ganz neu. Im Endeffekt waren das die Nutten mit ihren Kindern, mit ihrer Familie, zu denen ich nach Hause ging, um die Wahlbenachrichtigungen abzugeben. Das war für mich eine ganz tolle und aufregende Zeit.

An der Hamburger Universität gab es ein Studentenparlament, in das ich mich habe wählen lassen. Und in diesem Studentenparlament war auch Helmut Schmidt. Er war eines der höheren Semester und ich war im vierten oder fünften Semester. Da habe ich Helmut Schmidt kennengelernt. Und – ich weiß nicht, ob ich das jetzt sagen soll –, ich habe ihn als sehr herrisch empfunden.

Ich habe sie eigentlich alle kennengelernt: Ich habe den Herbert Wehner kennengelernt. Ich habe später in Oberbayern gewohnt, im Wahlkreis von Franz-Josef Strauß. Mit dem habe ich mich furchtbar gestritten. Aber jedes Mal wenn er kam, wenn ein Fest war, wollte er neben mir sitzen. Er hat sich offensichtlich gerne mit mir gestritten. Ich habe ihm auch vorgeworfen: »Sie kaufen Ihre Stimmen.« Wenn bei einem Bauern die Kuh nicht gekalbt hat, dann hat er mit Geld ausgeholfen. »Aber Sie müssen mich wählen«, hat er dann immer gesagt.

Es war eine verrückte Zeit.

Plakate im Wahlkampf 1949

CDU
SPD
F.D.P.

Titelseite des Tagesspiegel nach der Wahl

16. August 1949

Dieses digitale Projekt wurde umgesetzt durch Philipp Bock (Tagesspiegel Data).

Die Videointerviews führten Muhamad Abdi, Ann-Kathrin Hipp, Hendrik Lehmann, Ronja Ringelstein, Hannes Soltau, Christian Vooren und Helena Wittlich.

Die Texte zu den Wahlen schrieb Albert Funk.

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